Wiener Hauptbahnhof: Einkaufszentrum mit Bahnanschluss

In die Jubelmeldungen über den neuen Hauptbahnhof mischen sich auch einige kritische Stimmen. Welche Wertigkeit dem Einkaufszentrum beigemessen wurde zeigt sich daran, dass die offizielle Eröffnung am 10. Oktober eigentlich die Eröffnung des BahnhofsCity Wien Hauptbahnhof war https://schaffnerin.wordpress.com/2014/10/15/das-war-die-eroffnung/ und nicht die der Verkehrsstation. Die fand still und heimlich mit dem Fahrplanwechsel am 14. Dezember statt. Ab diesem Zeitpunkt waren alle Bahnsteige in Betrieb. Damit ist das Projekt abgeschlossen.

Städtebaulich erfüllt das Projekt leider nicht alle Möglichkeiten. Gab es früher zwischen Südtiroler Patz und Unterführung Geiselberg Straße keine Verbindung zwischen den Bezirken, so gibt es jetzt 4 Straßenverbindungen und eine für Fußgänger_innen und Radfahrer_innen. https://schaffnerin.wordpress.com/2014/01/16/der-neue-hauptbahnhof-bringt-bessere-durchlassigkeit-des-bahnhofsgelandes/

Trotzdem gibt es noch immer eine starke Trennwirkung durch das Bahngelände.

Eine der Straßenverbindungen, die Gertrude-Fröhlich-Sandner-Straße ist städtebaulich eine negative Glanzleistung. Ein doppelter kahler Straßentunnel und das mitten in der Stadt.

https://schaffnerin.wordpress.com/2013/11/26/unterfuhrung-gertrud-frohlich-sandner-strase/

Wenig Platz gibt es auch auf den viel zu schmalen Bahnsteigen. Es ist sehr zweifelhaft, dass ein hoher Servicelevel für die Reisenden erreicht werden kann. Sobald mehr als zwei voll besetzte Fernreisezüge ankommen, ist mit großem Gedränge und Staus bei den Abgängen zu rechnen. Weitere Probleme, die durch die schmalen Bahnsteige verursacht werden, siehe:

https://schaffnerin.wordpress.com/2009/02/16/im-neuen-hauptbahnhof-sind-die-bahnsteige-viel-zu-schmal/

Sollte sich das Verkehrsaufkommen der Bahn vergrößern, was eigentlich das große Ziel, auch der ÖBB sein sollte, dann gibt es keinen Platz für eine Erweiterung des Bahnhofs. Viel zu groß war die Versuchung, aus dem großflächigen Gelände, ein möglichst großes, lukratives Immobilienprojekt zu entwickeln. Die Fläche des Bahnhofes wurde mit fortschreitenden Planungsphasen immer kleiner. Übrig blieb ein Gebäude, das lieblos zu einem Einkaufszentrum mit Haltestellenfunktion gestaltet wurde.

Das vielzitierte Rautendach wirkte vom der Plattform des bahnoramas aus spektakulär. Das bahnorama ist seit 31. Dezember 2014 geschlossen und wird abgebaut. Der Blick von oben bleibt daher den Vögeln vorbehalten. Von den Bahnhofsvorplätzen aus ist das Rautendach kaum sichtbar. Einzig von den Bahnsteigen aus gibt es interessante Eindrücke.

Vertan wurde auch die Chance, den Bahnhof fußläufig an die Stadt anzubinden. Will man in die Innenstadt, so muss den erst vor kurzem umgebauten Südtiroler Platz überqueren. Ein Eldorado für Autos, aber nicht für Fußgänger_innen. Will man in der anderen Richtung zur Fußgänger_innenzone Favoritenstraße ist der fußgänger_innenläufige Anschluss auch nicht viel besser. Zum einem muss man die Sonnwendgasse überwinden und zum anderem versteckt hinter einem ganzen Häuserblock und von ortsunkundige Reisende schwer zu finden.

Siehe auch: Die Nebensache von Bernd Vasari http://www.wienerzeitung.at/nachrichten/wien/unterwegs/722496_Die-Nebensache.html

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6 Antworten

  1. Eher Gütertransittrasse mit Einkaufszentrum und nebensächlicher Haltestelle

    Die Prioritäten der Bahn bei diesem Projekt nach absteigender Wichtigkeit:

    – Alles muss bleiben, wie es ist. Wenn sich doch etwas ändern muss, dann darf es keinesfalls eine Verbesserung für die Stadt bringen. Mir san mir, do fahrt de Eisenbahn drüber.

    – Erhaltung quadratkilometergroßer Bahnbrachen mitten in der Stadt wie z.B. die „Ellipse Matzleinsdorf“. Wer braucht schon zentral gelegene Wohngebiete, wenn man ungenutzte Abstellgleise haben kann.

    – Schaffung einer der in der Nacht am stärksten befahrenen Gütertransitstrecken des Landes mitten durch Wien. Wieso denn die vielen, schön lauten Güterzüge um Wien herum führen, wenn sie auch mitten durch fahren können.

    – möglichst hohe Immobiliengewinne, egal ob die Spekulationsbürotürme dann leerstehen oder nicht

    – Einkaufszentrum

    – Haltestelle mit Flugdach

    Ist ja auch durchaus legitim für den Projektwerber, diese Vorstellungen zu haben. Dass das BMVIT als UVP-Zuständiger keine Aufsichtsbehörde, sondern Handlanger der Bahn ist, sollte auch bekannt sein.

    Damit wäre es halt an der Stadt und an den Bezirken gelegen, das Wahnsinnsprojekt in eine für Wien erträgliche Form zu bekommen. Oder der Bahn zu sagen, wenn sie ihre Beton- und Güterzugorgien will, kann sie ihren Hauptbahnhof in Inzersdorf bauen.

    • In den meisten Punkten gebe ich Ihnen Recht. Bei der „Ellipse Matzleinsdorf“ niicht. In dieser Ellipse“ befinden sich die Wartungseinrichtungen für die Waggons und Loks.
      Abstellgleise muss es geben, um Platz für die Züge zu haben, die dann auf den Bahnsteigen bereit gestllt werden. Nicht alle Züge fahren durch.
      Auch das Material, das gewartet werden muss, muss irgendwo „Parken“. Dann am besten in der Nähe der Serviceinrichtungen.

  2. Ein paar Einwände und Ergänzungen zu obigen Kritikpunkten:

    – BARRIEREWIRKUNG:

    Querungen gibt es zw. Südtiroler Platz und Gudrundstraße genug – sieben Querungen auf gut 2,5km ist eigentlich recht viel. Das Problem ist aber, dass die Querungen teils viel zu abweisend sind, eben, wie von Ihnen erwähnt simple Straßentunnel wie bei der Gertrude-Fröhlich-Sandner-Straße oder beim Zugang Ost.

    Bei der Gertrude-Fröhlich-Sandner-Straße hat man gleich mehrere Chancen damit vertan indem man die Geschäftsflächen der Mall nicht bis an die Westseite des Tunnels verlängert hat.
    Einerseits wäre die Unterführung so einladender und belebter, andererseits hätte man hier in diesem Bereich mehr Platz für die Gäste des Foodcourts anbieten können, dadurch die Haupthalle auch etwas freier halten können. Weiters hätte man den Tunnel hinter den Rolltreppen zu den Bahnsteigen hoch, der aktuell hinter den Restaurants des Foodcourts endet bis zur Haupthalle verlängern können. Die dort wegfallenden 2 Lokale hätte man eben an der Gertrude-Fröhlich-Sandner-Straße unterbringen können.
    An der Ostseite des Tunnels hätte man etwa die Polizeistation unterbringen können, statt sie im ÖBB-Tower einmieten zu lassen. Oder alternativ bzw zusätzlich die Radgarage beim Zugang Ost bis hierher verlängern können.

    Beim Zugang Ost hätte sich an der Ostseite bestimmt irgendein Mieter für eine größere Fläche gefunden, zB der Betreiber eines Fitnesstudios oder vielleicht irgendjemand, der hier eine Bar oder einen Club eröffnet hätte, bei der Nähe zum Dots im 21er-Haus… Ähnlich wie bei den Stadbahnbögen der U6 wäre die Lärmbelastung hier ja nur relativ, wenn oben tonnenschwer Züge über die Gleise donnern.

    Generell ist für mich am wenigsten nachvollziehbar warum man nicht zumindest am Rand der Tunnel noch Nutzflächen errichtet hat, anstatt einfach einen simplen Bahndamm aufzuschütten, der bis an die Wände der Unterführung reicht.
    Außerdem verstehe ich die Ausgestaltung mit normalem Sichtbeton bzw. rigipsartigen Platten nicht. Wenn man schon normale Tunnel ohne Nutzung an den Seiten errichtet, dann hätte man wenigstens Graffittikünstlern die Möglichkeit geben sollen diese Wände mit Graffittis zu versehen. So wie die Wände jetzt gestaltet sind, gibt es dort in einigen Jahren sowieso nur noch lauter Tags und Graffitis, nur dann halt minderer Qualität.

    – BAHNSTEIGBREITE:

    Meiner Meinung nach sind die Bahnsteige nicht zu schmal gestaltet. Sie sind im Gegenteil recht breit, und gröbere Probleme beim Fahrgastwechsel wären mir bislang noch keine aufgefallen.

    – ERWEITERUNGSFLÄCHEN:

    Das ist definitiv das größte Manko des Bahnhofes! Ich werde nie verstehen warum man nicht die S-Bahn-Stammstrecke direkt unter den Bahndamm mit den Bahnsteigen 3-12 verlegt hat, dort wo sie ohnehin vor Jahrzehnten einmal verkehrt ist.
    Im TG hätte man problemlos 4-6 Bahnsteige errichten können, bzw. die Vorarbeit leisten können um später auf 6 Bahnsteige zu erweitern. Somit hätte der Bahnsteig nicht 12, sondern eben 14 oder 16 Bahnsteigkanten, und obendrein hätte die Stammstrecke etwas mehr Raum.

    Die Garage hätte man im alten Stammstreckentunnel und unter der Gertrude-Fröhlich-Sandner-Straße auch untergebracht.

    – RAUTENDACH:

    Diese Kritik habe ich schon von mehreren Seiten gehört, allein ich versteh sie nicht oder nur kaum, denn eigentlich wirkt das Dach von oben eher noch fad, weil an der Dachoberseite mit 0815-Material gearbeitet wurde – weil man das Dach ja nicht im Regelfall von oben sieht.

    An den Unterseiten bzw. Seiten wurden allerdings hochwertigere Materialien verwendet, es gibt nahtloserer Übergänge, das Dach wirkt interessanter und qualitativ hochwertiger.

    Natürlich hat das Dach am Bahnsteig noch die imposanteste Wirkung, aber vom Südtiroler Platz aus, oder von einem der beiden Vorplätze aus ist es ebenso sehr gut zu erkennen und hat mMn eine sehr gute Wirkung.
    Dass man es vom Bahnsteig aus am besten betrachten kann finde ich übrigens nicht falsch. Immerhin kommen dadurch die Bahnfahrer am meisten in den Genuss der Konstruktion, nicht die Autofahrer am Gürtel.

    – ANBINDUNG DER UMGEBUNG:

    Ein Manko ist sicher die mangelhafte Anbindung des Bahnhofes an die Umgebung, das sehe ich auch so.

    Allerdings muss hier gesagt werden, dass man zum Südtiroler Platz hin kaum Möglichkeiten hat ohne den Autoverkehr irgendwie einzuschränken. Der Südtiroler Platz ist leider eine Verkehrshölle, und mit ein bisschen Kosmetik wird man da wohl wenig ändern können.
    Übrigens wurde der Südtiroler Platz nicht vor kurzem umgestaltet, seine Umgestaltung wurde vor kurzem angekündigt. Das Projekt ist aber noch in der Planungsphase.

    Bezogen auf die Anbindung zur Favoritenstraße muss man anmerken, dass wohl eine bessere Verbindung nur möglich wäre wenn man Altbau neben dem Bahnorama abreißen würde. Dadurch wäre es möglich einen großen Platz als Entree zu schaffen, oder architektonisch durch Neubauten eine Torwirkung erzielen zu können. So ist der Bau vom Vorplatz Süd her kommend leider mitten im Weg stehend und die Sicht auf die Fußgängerzone verstellend.

  3. Danke für Ihren ausführlichen Kommentar.
    Barrierewirkung: Ja, es ist unverständlich, warum manden Raum unter den BAhnsteigen nicht für Nutzungen vorgesehen hat, sondern mit Erde zugeschüttet hat. So gibt es auf beiden Seiten unansehnliche Wände.
    Wir haben die zur Verfügung Stellung der Unterführungen für Graffiti-Künstler immer gefordert. vor einem Jahr gab es Gepräche, die aber plötzlich wieder im Sand verlaufen sind. Aber vielleiicht läst sich die ÖBB noch überzeugen.
    Es wird zwei kleine Radgaragen neben der Osthalle geben.
    Die Bahnsteige sind insofern zu schmal, weil man die Abgänge für die Rolltreppen und die festen Steigen nur hinterinander anordnen konte. Somit war von der Längenentwicklung kein Platz, Abgänge zu Gertrued-Fröhlich-Sandner -Straße zu machen. Da hätte man dann z.B. Bushaltestelle (13A) mit direkten Zugen zu den Bahnstigen machen können.
    Die Schnellbahngliese in das Untergeschoß zu verlegen war bei der ersten Planung vorgesehen, Die Verbindung zwischne oben und unten hätte unter anderem zu lange Ramper erfordert.
    Mit neuen Südtiroler Platz ist die „Autobahnkreuzung“ gemmeint. Der Teil des Südtiroler Platzes, der neben dem Gürel im 4. Bezirk liegt, wird noch dieses Jahr umgebaut.

  4. Es ist dringend nötig, den 13A wieder an die Linie D anzuschließen.
    Der momentane Fußweg ist kaum zumutbar.

    • Die Bezirksvertretunghat im September 2014 einstimmig bechlossen, die Streckenführung des 13A wieder bis zum Schweizergarten auszuweiten. Die Antwort der Wiener linien war,dass die Fahrgäste die vom Hauptbahnhof in Richtung Alser Straße fahren wollen, einen Umweg in Kauf nehmen müssten. Die Fahrgäste des 13A, die zum Schwweizergarten wollen, sollen in den 69A umsteigen.

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